04.11.2026

Mittelstand fordert schnellere Strukturreformen

Abbdildung: Arbeitsgemeinschaft Mittelstand

Die wirtschaftliche Lage des deutschen Mittelstands bleibt angespannt. Ein Aufschwung ist bei den kleinen und mittleren Unternehmen bislang nicht angekommen. Zu diesem Ergebnis kommt die Arbeitsgemeinschaft Mittelstand (AG Mittelstand), ein Zusammenschluss von zehn Wirtschaftsverbänden, in ihrem dritten Mittelstandsmonitor. Die Bewertung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen fällt erneut ernüchternd aus: Auf einer Skala von minus 3 (sehr schlecht) bis plus 3 (sehr gut) erhält die Gesamtlage wie bereits im Vorjahr die Note minus 2.

Die Verbände appellieren deshalb an die Bundesregierung, den eingeschlagenen Reformkurs konsequent fortzusetzen, das Tempo zu erhöhen und Entlastungen stärker an den Bedürfnissen mittelständischer Unternehmen auszurichten. Nur durch zügig umgesetzte, wettbewerbsorientierte Strukturreformen lasse sich eine tragfähige Grundlage für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung schaffen.


Besonders dringlich sind aus Sicht der AG Mittelstand die Senkung der Arbeits- und Energiekosten, steuerliche Investitionsanreize und ein konsequenter Bürokratieabbau. Gleichzeitig warnen die Verbände davor, bereits angekündigte Entlastungen durch neue Kosten und zusätzliche Vorschriften wieder zunichtezumachen. Kritisch bewerten sie unter anderem die geplante Erhöhung der Arbeitgeberabgaben bei Minijobs sowie mögliche Mehrbelastungen durch die EU-Verpackungsverordnung und zusätzliche Steuern.


Arbeitskosten und Fachkräftesicherung


In fünf zentralen Handlungsfeldern sieht die AG Mittelstand politischen Handlungsbedarf. Dazu gehören zunächst die Arbeitskosten, die 2025 in Deutschland mit durchschnittlich 45 Euro je Stunde rund 29 % über dem EU-Durchschnitt lagen. Als wesentlichen Kostentreiber nennen die Verbände die hohen Sozialversicherungsbeiträge.


Gefordert werden wettbewerbsfähige Arbeitskosten und flexiblere Arbeitszeitregelungen, beispielsweise durch die Einführung einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit. Eine Reform der Minijobs dürfe nicht zu zusätzlichen Kosten für die Unternehmen führen. Gleichzeitig müssten die duale Berufsausbildung gestärkt, vorhandene Arbeitskräftepotenziale besser genutzt und internationale Fachkräfte gewonnen werden. Auch die Gründungsbereitschaft junger Menschen gelte es durch bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu fördern.


Hohe Energiekosten bremsen Investitionen


Ein weiteres zentrales Problem sind die Energiekosten. Nach Angaben der AG Mittelstand sind diese für knapp die Hälfte der Unternehmen trotz des bereits hohen Niveaus weiter gestiegen. Zwei Drittel der Betriebe müssen zudem höhere Wärmekosten verkraften.


Die Folgen für die Wirtschaft sind erheblich: Rund ein Drittel der Unternehmen verschiebt Investitionen, etwa jeder fünfte Betrieb prüft eine Verlagerung von Aktivitäten ins Ausland.


Die Verbände fordern deshalb, die Stromsteuer wie im Koalitionsvertrag vereinbart für sämtliche Unternehmen auf das europäische Mindestmaß zu senken und staatlich verursachte Energiekosten wirksam zu begrenzen. Zudem müssten Netzanschlüsse beschleunigt und Verfahren vereinheitlicht werden. Im internationalen Wettbewerb dürften Unternehmen nicht durch einseitige CO₂-Kostenbelastungen benachteiligt werden. Kostenlose Zertifikatszuteilungen sollten erhalten bleiben, bis die notwendige Infrastruktur für die Dekarbonisierung zur Verfügung steht.


Bürokratieabbau und Infrastruktur


Trotz erster Fortschritte beim Bürokratieabbau bleibt die Belastung der Wirtschaft nach Einschätzung der AG Mittelstand zu hoch. Die jährlichen Bürokratiekosten beziffert sie auf 65,3 Milliarden Euro. Positiv bewertet der Zusammenschluss die bisherigen Bemühungen der Bundesregierung sowie das geplante Berichtsentlastungsgesetz.


Allerdings müssten Berichts-, Dokumentations- und Nachweispflichten weiter reduziert sowie Verwaltungsverfahren digitalisiert und beschleunigt werden. Bei der Umsetzung europäischer Regelungen dürften keine zusätzlichen nationalen Verschärfungen entstehen. Auch in der Bankenregulierung fordert die AG Mittelstand mehr Verhältnismäßigkeit, um die Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen nicht zu gefährden. Bewährte Sicherungssysteme regionaler Banken und Sparkassen dürften durch einen europäischen Einlagensicherungsmechanismus nicht beeinträchtigt werden.


Handlungsbedarf besteht außerdem bei der Infrastruktur. Der Sanierungsstau bei Straßen, Schienen und Wasserstraßen beeinträchtige die Wettbewerbsfähigkeit. Zwar seien erste Effekte des Sondervermögens Infrastruktur und Klimaneutralität erkennbar, diese reichten jedoch nicht aus. Die Mittel müssten konsequent für zusätzliche Investitionen eingesetzt werden. Gefordert werden eine langfristig gesicherte Finanzierung, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie die Modernisierung wichtiger Verkehrswege und Verkehrsknotenpunkte.


Mit Sorge betrachten die Verbände zudem die angespannte Finanzlage vieler Kommunen, die wichtige Infrastrukturen für den Mittelstand bereitstellen.


Steuerliche Entlastungen gefordert


Auch die Unternehmensbesteuerung steht in der Kritik. Die AG Mittelstand fordert eine grundlegende Reform mit einer maximalen Gesamtsteuerbelastung von 25 Prozent auf Gesellschaftsebene. Darüber hinaus seien gezielte Entlastungen für mittelständische Personenunternehmen notwendig.


Mehr als 75 Prozent der mittelständischen Betriebe sind Personenunternehmen, für die die Einkommensteuer eine zentrale Rolle spielt. Hohe Steuersätze könnten deshalb unmittelbar die Eigenkapitalbildung beeinträchtigen. Die Verbände fordern Nachbesserungen bei der steuerlichen Begünstigung einbehaltener Gewinne sowie eine rechtsformneutrale Besteuerung.


Insbesondere Freiberufler, Kanzleien, Praxen, Gastronomiebetriebe und Händler seien von hohen Einkommensteuerbelastungen betroffen. Zusätzlich müsse der Einkommensteuertarif regelmäßig automatisch an die Inflation angepasst werden, um die sogenannte kalte Progression auszugleichen.


Reformen müssen in den Betrieben ankommen


Die AG Mittelstand vertritt nach eigenen Angaben rund 3,5 Millionen kleine und mittlere Unternehmen aus Handel, Handwerk, Dienstleistungen, Gastronomie und Hotellerie, Freien Berufen und Industrie sowie deren Finanzierungspartner. Diese Unternehmen beschäftigen mehr als 19 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer und bilden sieben von zehn der insgesamt mehr als 1,1 Millionen Auszubildenden aus.


Der Arbeitsgemeinschaft Mittelstand gehören zehn Wirtschaftsverbände an: der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga Bundesverband), die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK), der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), der Handelsverband Deutschland (HDE), der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), der Bundesverband der Freien Berufe (BFB), der Bundesverband Kooperierender Mittelstand (BKM), der Deutsche Raiffeisenverband (DRV), der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) sowie der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV).


Für die Verbände steht fest: Entscheidend ist nicht allein die Ankündigung weiterer Reformen, sondern deren zügige Umsetzung. Entlastungen müssten tatsächlich bei den Unternehmen ankommen, damit der Mittelstand wieder investieren und wachsen könne.


Der Mittelstandsmonitor steht hier zum Download zur Verfügung.


www.arbeitsgemeinschaft-mittelstand.de